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Krisenbewältigung

Krisenbewältigung

Ideen von Südtiroler Unternehmern zur Bewältigung der Krise

Villanders 07.04.2020

Wie sich Südtiroler Unternehmer die Bewältigung der Krise vorstellen.

Viele Unternehmer machen sich in Zeiten des Lockdowns Gedanken um ihr Unternehmen und wie sie es durch die Krise führen können. Dabei gehen die meisten Sorgen wohl in die Überlegungen, wie sie ihre Betriebe nachher wieder weiterführen können. In unserem Team betreuen wir ca. 500 Südtiroler Unternehmen. In diesen sind Betriebe aller Größenordnungen und Branchen vertreten, denen wir in diesen Wochen das Angebot eines kostenlosen Coachings gemacht haben. Wir bedienten uns moderner Kommunikationsmittel und haben dabei selbst neue Erfahrungen gesammelt. Unser großes Anliegen war es, ein Gesprächspartner für die Sorgen der Unternehmer zu sein und sie  bei der Bewältigung der Krise und dem Weiterführen der Tätigkeit nach dem Lock Down zu unterstützen.

Bei diesen Gesprächen haben wir sehr viele wertvolle Ideen gesammelt. Manche sind auf viele Branchen und Größenordnungen von Betrieben anwendbar. Andere Vorschläge sind spezifisch und nur für bestimmte Unternehmensbereiche gedacht. Wir sehen uns als Sprachrohr für diese Ideen und die Anliegen der Unternehmer. Mit diesen Zeilen wollen wir diese Ideen verbreiten und den jeweiligen Entscheidungsträgern Informationen aus erster Hand zu geben. Nur die besten Entscheidungen werden uns helfen, unsere Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Bei den Unternehmern herrscht die einheitliche Meinung, dass der Lockdown sobald als möglich und schrittweise aufgehoben werden muss. Laut WIFO beträgt die Südtiroler Wirtschaftsleistung rund 22,3 Milliarden Euro. Von den ca. 250.000 in Südtiroler arbeitenden Menschen sind derzeit rund ca. 100.000 Beschäftigte gezwungen, zu Hause zu bleiben. Diese Wirtschafts- und Arbeitsleistung fehlt uns nun seit einem Monat. Überschlägt man diese Zahlen, dividiert man also 22,3 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung durch 250.000 Beschäftigte, kann vereinfacht gesagt werden, dass jeder Arbeitende im Jahr 90.000 Euro am BIP erwirtschaftet. Einen Monat im Jahr nicht zu arbeiten bedeutet somit, dass 7.500 Euro Leistung je Mitarbeiter fehlen. Multipliziert man diese Zahl mit 100.000 Beschäftigten entsteht ein geschätzter Schaden von 750 Millionen Euro im Monat.

Vom Lockdown betroffen sind jedoch besonders jene Unternehmen, die mit ihren Mitarbeitern mehr an Wert generieren, als dies Dienstleister oder öffentliche Bedienstete tun. Ich schätze daher, dass jeder Monat an Lockdown mehr als 1 Milliarde Euro an Schaden generiert. Summiert man dazu auch jene Zeit, die Unternehmen benötigen, um ihre Produktion wieder auf Vorkrisenniveau zu bringen, wird der entstandene Schaden wahrscheinlich die Marke von 2 Milliarden Euro übersteigen. Gegen diese Zahl ist das Hilfspaket, das die Landesregierung schnürt und das dann in 10 Jahren wieder abbezahlt werden muss, gering. Jeder Tag Lockdown verursacht ein Vielfaches an Schaden, als durch ein Hilfspaket jemals geleistet werden kann.

Wenn sich die Wirtschaft auf das konzentrieren soll, was wirklich zählt, dann geht es in erster Linie darum, die Produktionsstätten so schnell als möglich wieder arbeiten zu lassen. In zweiter Linie geht es erst um Hilfspakete, die wir mit zukünftigen Steuern und Abgaben auch wieder erwirtschaften müssen.

Die Geschwindigkeit beim Wiederaufnehmen der Arbeit und der Produktion unter sicheren Bedingungen ist das wirkliche Gebot der Stunde. Dies ist die Hauptforderung der Südtiroler Unternehmer an die Politik und die verantwortlichen Beamten.

In Stichworten gebe ich die Ideen wieder, die uns Unternehmer aus den verschiedenen Branchen mitgeteilt haben:

 

  • Die Sicherheitsverantwortlichen, sprich der Arbeitgeber, der LDAS, der Arbeitsmediziner und die Sicherheitssprecher, sollen über die zu treffenden Gesundheitsmaßnahmen in den Unternehmen entscheiden und nicht eine allgemeine Regelung, die für manche Unternehmen nicht zielführend sind.
  • Die Sicherheitskoordinatoren auf den Baustellen sollen das Risiko bewerten und Baustellen öffnen dürfen.
  • Gemeinderatswahlen standen an und manche Baukommission in unseren Gemeinden tritt kurz vor Neuwahlen nicht mehr zusammen. Die Gemeinderatswahlen sind auf den September verschoben. Im Sommer könnten auch weitere Sitzungen entfallen. Erfahrungsgemäß brauchen Baukommissionen nach den Wahlen rund 2 bis 3 Monate, um wieder in vollem Umfang arbeitsfähig zu sein. Es ist zu befürchten, dass die Anzahl der erteilten Baugenehmigungen im Jahr 2020 für 8 Monate drastisch zurückgehen werden. Eine Baukrise im Jahr 2021 wäre die Folge. An diesem Punkten können die Gemeindeverantwortlichen aktiv und schnell gegensteuern.
  • Sicherung der Liquidität: Die Garantien, die Garantiegenossenschaften anbieten, müssen von den Banken berücksichtigt werden. In Deutschland werden 74% von Kreditanfragen, die durch eine Garantiegenossenschaft zu 80% garantiert werden, nicht genehmigt. Garantien, die der Staat und das Land über ein angekündigtes Hilfspaket anbieten, werden von den Banken nicht angenommen und laufen ins Leere. Diese Garantien sind keine reale Unterstützung.
  • Genehmigungsaufwand: Auch in Südtirol haben die Banken ihre Genehmigungsverfahren für Kreditanfragen Nun kommen innerhalb von wenigen Wochen tausende von Anfragen für Kredite. In ihren Zentralen verfügen die Banken nicht über die personellen Ressourcen, um diese Flut an Anfragen zeitnah zu bewältigen. Der Grund liegt auch in den neuen krisenspezifischen Kriterien und Abläufen. Den Banken sollte es gelingen, den Bankdirektoren vor Ort, mehr Entscheidungsbefugnisse zu geben, um die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und mehr Ressourcen einzusetzen.
  • Fixkosten, die für das Jahr 2020 anfallen werden, sollten um 2/12 reduziert werden. Für zwei Monate gab es auch keine operative Tätigkeit. Dies gilt beispielsweise für Versicherungen und Arbeitsunfallversicherungen (wie das INAIL).
  • Ein weiteres Thema sind die Mieten. Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig. Immobilienbesitzer, gewerblich oder privat, die zu Geschäftszwecken Immobilien vermieten, werden durch die Stundung von Darlehen und das Verschieben von GIS/ IMU unterstützt. Diese Unterstützung sollte auch an die Mieter weitergegeben werden. Der Vermieter verzichtet auf 1 bis 2 Monatsmieten, eventuell auch durch eine gesetzliche Verpflichtung. Dies liegt im Eigeninteresse des Vermieters. Der krisenbedingte Verlust von Mietern durch Geschäftsauflösung und die daraus resultierende Suche nach einem neuen Mieter verursacht denselben Ausfall an Mieteinnahmen.
  • Viele Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe haben für das laufende Jahr bereits volle Auftragsbücher und möchten die verlorene Zeit wieder hereinarbeiten. Beschränkt für das Jahr 2020 sollte es möglich sein, Überstunden zu machen, ohne die damit verbundenen Mehrkosten für Steuern und INPS- Beiträgen leisten zu müssen. Durch eine Art Zeitkonto können beispielsweise 320 Überstunden über den normalen Stundenplan in den Monaten bis Dezember ausgeglichen werden. Die Mitarbeiter hätten zusätzliches Geld in ihren Taschen und die Betriebe könnten die verlorene Produktionszeit wieder ausgleichen.
  • Für Südtiroler Unternehmen war 2019 ein gutes Geschäftsjahr. Dafür fallen nun die Steuern und die Steuervorauszahlungen an. Den Unternehmen wird dadurch in der Krise weitere dringend notwendige Liquidität entzogen. Aller Voraussicht nach, wird 2020 kein Jahr für starke Gewinne. Die errechneten Steuervorauszahlungen werden demnach zu hoch ausfallen. Auf Staatsebene sollen für diese Probleme ausgeglichene Lösungen gefunden werden.
  • Aufwertung des Anlagevermögens: Im Krisenjahr 2020 laufen Unternehmen Gefahr, in der Bilanz einen Verlust ausweisen zu müssen, der durch das Eigenkapital und getätigte Rücklagen nicht mehr gedeckt ist. Gleichzeitig könnten die Mittel fehlen, um „frisches“ Eigenkapital nachzuschießen. Im Anlagevermögen von vielen Unternehmen stecken stille Reserven. Nach heutiger Gesetzgebung kommen diese jedoch erst zum Zeitpunkt des Verkaufs zur Geltung. Die Idee ist eine Aufwertung des Anlagevermögens und diesmal nicht nur der Immobilien, sondern auch von Maschinen und Anlagen. Mit dieser Maßnahme kann die Entstehung von negativem Eigenkapital vermieden werden.
  • Kapitalgesellschaften, die durch krisenbedingte Verluste ein negatives Eigenkapital ausweisen müssen sollte eine Frist von bis zu 3 Jahren gewährt werden, um das verlorene Eigenkapital wiederherzustellen. In der Zwischenzeit garantiert der Staat die Ansprüche der Gläubiger mit einem eigens eingerichteten Sicherungsfond
  • Gründung eines Beteiligungsfonds durch den Staat, die Autonome Provinz oder Privatinvestoren. Dieser Fond erwirbt Beteiligungen an Unternehmen. Der Fond garantiert eine fixe Verzinsung von 2%. Die betroffenen Unternehmen erhalten das Recht diese Beteiligungen wieder zurückzukaufen. Mit dieser Maßnahme werden die Südtiroler und die italienischen Unternehmen vor dem Ausverkauf oder einer eventuellen feindlichen Übernahme geschützt.
  • Gründung eines privaten Kapitalfonds, in dem alle Bürger und Unternehmen einzahlen können, um Unternehmen in der Krise zu helfen. Für das investierte Kapital gibt es eine garantierte Verzinsung von 2% mit gleichzeitigen Steuervorteilen.
  • Nutzung von Rücklagen: Manche Organisationen und Körperschaften haben in den vergangenen Jahren Rücklagen gebildet. Wir stehen mitten in einer Jahrhundertkrise, in der diese Rücklagen nun genutzt werden sollten. Gelder, die ungenutzt sind oder in den weltweiten Kapitalmärkten investiert werden, sollen in die Südtiroler Realwirtschaft eingebracht werden. Rücklagen der kollektivvertraglichen Gesundheitsfonds, in denen die Beschäftigten einzahlen, Rücklagen in Verbänden und der Handelskammern, um nur einige zu nennen, können zu diesem Zweck eingesetzt werden. Jetzt ist die Zeit um Geld zu investieren und nicht, um dieses Geld auf die hohe Kante zu legen.
  • Mitarbeiter in der Lohnausgleichskasse sollten die Möglichkeit eines Zusatzverdienstes erhalten, ohne dass dieser Zuverdienst – bis zur Höhe des üblichen Lohns – mit zusätzlichen Abgaben belastet wird. Diese Maßnahme muss zeitnah umgesetzt werden. Nach dem Lockdown ist sie nicht mehr notwendig.
  • Für einen begrenzten Zeitraum sollen Landesbeiträge für Maßnahmen aus der Wirtschaftsförderung erhöht werden. Bereits definierte politische Ziele, wie Innovation, Nachhaltigkeit, lokale Wirtschaftskreisläufe usw., würden dadurch unterstützt.
  • Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt werden, um international nicht an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.
  • Werbemaßnahmen im Tourismus: Südtirol als Tourismusdestination muss gestärkt werden. Imagewerbung allgemein ist sicher erforderlich, soll jedoch nicht das einzige Instrument bleiben. Die einzelnen Betriebe, die direkt im Tourismus tätig sind – annähernd 10.000 an der Zahl – sollen selbst Werbemaßnahmen ergreifen und dafür Unterstützung erhalten. Sie kennen ihre Kunden persönlich, verfügen über den direkten Kontakt und die Mail Adressen zu den Gästen. Sie verfügen über die personellen Ressourcen, um selbst aktiv zu werden – direkt und unbürokratisch. Ein optimaler Medienmix wären garantiert und die Unternehmen profitieren noch stärker von den eingesetzten Ressourcen.
  • Keine Zweiklassengesellschaft schaffen: Betriebe mussten schließen, die betroffenen Mitarbeiter verzichteten auf einen großen Teil ihres Gehalts. Viele öffentlich Beschäftigte werden weiter normal bezahlt, auch wenn sie nicht voll arbeiten. Baustellen sind geschlossen, aber die Mitarbeiter in den Bauhöfen des Landes werden regulär bezahlt. Kindergärten sind geschlossen, aber die Mitarbeiterinnen werden regulär bezahlt. Es geht hier darum, Beispiele zu geben, ohne die Leistung der Einzelnen auf- oder gar abzuwerten. Ziel ist es, die finanziellen Lasten dieser Krise, auf alle Leistungsträger gerecht zu verteilen.
  • Dienste, die von der Autonomen Provinz an Private Dienstnehmer ausgegeben wurden und auf Grund von geleisteten Stunden, Kilometer- oder anderen Verrechnungssätzen bezahlt werden, müssen für den krisenbedingten Ausfall vergütet werden. Als Beispiel gelten die Schüler- und Behindertentransporte. In der Krise fallen zwar keine Lohn- oder Treibstoffkosten an. Die Fix- und Gemeinkosten kommen trotzdem zur Gänze zum Tragen. Für die ausgefallenen Dienste könnten z.B. 50% des normalen Tarifs ausbezahlt werden, um so zumindest die Strukturkosten abzugelten.

Die hier eingebrachten Ideen stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit dar, sondern sollen nur eine Sammlung von Gedanken von Unternehmern sein, die ihre ganze Kraft einsetzen, um die Krise zu bewältigen.

Die Regierung hat mittels Notverordnungen die Produktionsstätten in Italien geschlossen. Wir alle wünschen uns, dass diese Notverordnungen Wirkung zeigen. Aufgabe der Politik muss es nun sein, die krisenbedingte Last auf alle zu verteilen. Jene, die nicht arbeiten dürfen, verzichten auf einen Großteil ihres Lohnes, andere arbeiten und erhalten Prämien und wieder andere arbeiten nicht und erhalten den vollen Gehalt.

Die Urheber für diesen Artikel sind hier mit Namenskürzel angeführt

JE, SK, HL, SL, EH, MS, KP, VW, LK, MH, HA, GL, IC, JV, CR, GK, HA, DA, VS, KO, WU, NP, WS, AF